Viele Probleme unserer Zeit und Kultur sind energetischer Natur. Wir verbrauchen mehr Energie als wir vertragen, mehr als wir haben. Das trifft auf die globalen Strukturen genauso zu wie auf den einzelnen Menschen.
Es ist sogar ein doppeltes Problem. Einerseits können wir zu wenig Energie aufnehmen. Weder unsere tägliche Nahrung, noch unser tägliches Umfeld mit Betonböden, Neonlicht, Elektrosmog, Computermonitoren und Klimaanlagen bieten ein Umfeld, über das wir Energie beziehen können.
Andererseits geben wir konstant mehr als wir haben. Der Leistungsdruck steigt. Wer im berufsleben keine Über-Leistung bringt, wird als "nicht belastbar" eingestuft. Dadurch brennen wir aus.
Es geht nicht darum, Energie aufzubauen, um anschliessend noch mehr leisten zu können, sondern es geht um das grössere Gleichgewicht. Denn mehr Energie hilft uns auch, Grenzen zu setzen, bei uns zu bleiben, uns nicht zu verlieren.
Wir sind chronisch überfordert mit der Geschwindigkeit unserer Zeit. Wir haben uns so sehr sowohl an die Geschwindigkeit als auch an die Überforderung gewohnt, dass wir beides nicht mehr bewusst wahrnehmen und unseren Kaffee-, Drogen- und sonstigen Aufputschmittelkonsum als selbstverständlich erachten.
Taiji-Bewegungen sind vielleicht das Letzte, was wir wirklich langsam tun. Doch das ist nicht wirklich ein Argument für die Taiji-Bewegungen. Denn in einem solchen Umfeld kann Taiji nicht viel mehr sein als kurzfristige erste Hilfe. Vielmehr sollten wir uns aufgefordert fühlen, die Langsamkeit nicht auch noch in den hektischen Alltag zu pressen, sondern unseren Alltag zu verlangsamen, von der allgemeinen Hektik und Überforderung Abstand zu nehmen und einen natürlichen Lebensrhythmus zu finden.
Zurück zur Natur? Ja und nein. Es ist nicht sehr hilfreich, den Menschen einfach zu raten, sie sollen langsamer sein. Was wichtig ist, ist die Eigenverantwortung. Wie sehr ich in den Stress einsteige ist letztlich meine ganz eigene Entscheidung.
Es geht letztlich nicht so sehr um Verlangsamung (oder den Modebegriff Entschleunigung), sondern um Besinnung auf das Wesentliche (oder, wie ich das nenne, verwesentlichen).
Verwesentlichen ist in vielerlei Hinsicht ein wichtiger Begriff für das, was ansteht. Nicht nur haben wir unsere Grenzen im oben beschriebenen Sinne verloren. Auch die Öffnung zum Wissensschatz anderer Zeiten und Kulturen birgt Gefahren, denen wir uns genau so leicht entziehen können, wie wir ihnen verfallen können, wenn wir uns ihnen bewusst sind:
In unserer Zeit, in der uns so viel Wissen, Tradition und Weisheit aus den verschiedensten Zeiten und Kulturen ohne Mühe jederzeit und überall zugänglich ist, steht nicht der Konservierungsprozess im Vordergrund (außer für Museums- und Marketingzwecke), auch nicht Restauration (meist zur Befriedigung einiger weniger Kenner) oder Recycling (was in vielen Neo-Bewegungen Ausdruck findet, wie auch der Neo-Daoismus eine ist) oder Mystifizierung ("Tauchen Sie ein in diese lange gehütete chinesische Kunst der physischen und geistigen Erneuerung"), sondern ein Prozess des Verwesentlichens, der gnadenlos das Unwesentliche fallen lässt, die Verwirrung, die Ornamente, Interpretationen und Umwege.
Ich nenne diesen Prozess verwesentlichen, weil das Wort auf die Freilegung des Wesentlichen durch Absterben des Unwesentlichen deutet, und auf Besinnung und Konzentration.
Der Prozess der Verwesentlichung ist nicht so sehr ein individueller, bewusster und somit subjektiver Selektionsprozess, sondern vielmehr ein kollektiver und größtenteils unbewusster. Er geschieht, statt dass er vollzogen wird, etwa in der Art wie sich Sandpartikel in stillem Wasser auf den Grund setzen und das klare Wasser zurücklassen; oder so wie sich wahrhaft gute Musik, die das Wesen des Menschen in seinem Innersten berührt und spiegelt, durch Jahrhunderte erhält (oder zumindest nach Generationen wieder auftaucht, wenn sie ihrer Zeit voraus war), während diejenige Musik, die den Menschen nicht so tief berührt, in der Zeit versickert.
In unserer Zeit geschieht auch mit Taiji eine Verwesentlichung, fast unmerklich noch, doch spürbar. Wer noch nicht reagiert, sind nicht etwa die Studenten, sondern die Institutionen.
Viele Leute bringen heute nicht mehr die Ausdauer auf, zuerst (das heisst in der Regel ein bis drei Jahre) eine Form auswendig zu lernen, bevor sie sich dem Inhalt dieses Gefässes widmen können. Dem oberflächlichen Betrachter ergibt sich vielleicht das Bild, dass sich der heutige Mensch nicht mehr so sehr einlassen will. Das stimmt sicher bedingt, ich glaube aber, es sind noch andere Faktoren am Wirken: Er kann sich nicht mehr einlassen. Und hier gibt es zwei Gründe. Der erste ist die Zeit. Dieser Grund lässt sich regeln, wenn man wirklich bereit ist, sich einzulassen. Der andere Grund ist die Beschleunigung unserer Zeit. Es ist nicht nur so, dass sich unser Alltag beschleunigt - auch die psychisch-geistig-spirituelle Evolution des Menschen beschleunigt sich drastisch. Das muss sie, denn diese Bereiche wurden zu lange nicht entwickelt, während die technisch-wissenschaftlichen Bereiche umso stärker entwickelt wurden. Es entstand ein Missverhältnis, das heute unsere Welt beherrscht. Wir sind im Stande, Menschen zu klonen, den genetischen Code zu manipulieren und den ganzen Globus per Knopfdruck zu zerstören, verfügen aber nicht über eine wahre Ethik, um damit umgehen zu können.
Die Evolution des Bewusstseins und damit von Moral, Ethik und Verantwortungsbewusstsein ist das, was jetzt geschehen muss, und was auch tatsächlich geschieht. Diejenigen Leser, die schon etwas länger auf dieser Erde weilen, können sich diese Entwicklung sicher klar vergegenwärtigen. Ich glaube, dass "der Mensch auf der Strasse" genauso in diese Entwicklung eingebunden ist wie irgendwelche Esoteriker. Wir haben diesen Antrieb in uns, bewusst oder unbewusst, uns selbst in einem ungeahnten Mass zu entwickeln. Und da steht das lange Auswendiglernen einer Taiji-Form unter Umständen als Bremse da.
Deshalb strebt zeitgemässer Taiji-Unterricht nach Veränderung und Entwicklung jedes Teilnehmers, nicht nach gekünstelter Formvollendung, nach der Verwirklichung der Prinzipien von innen heraus, statt nach dem Erlernen einer exotischen Kunst. Alle Lehrer und Institutionen, die über fehlende Ausdauer ihrer Schüler klagen, finden darin vielleicht einen Hinweis für Veränderungspotenzial. Zumal das Wesen des Taiji auf viele Arten in den Menschen geweckt werden kann, wovon das Erlernen der Form nur eine Art ist.